- Originaltext
Architekt Dipl. Ing. univ. Jakob Bader
Mehr als nur ein Reinraum
Ein Gespräch über Architektur, Industrie und Mehrwert
Industriebauten werden heute häufig als rein technische Funktionshüllen verstanden – eine Domäne der Ingenieure. Dabei haben Architekten wie Walter Gropius, Giles Gilbert Scott oder die Planer der Zeche Zollverein einst gezeigt, welch ikonische Kraft in Industriearchitektur liegen kann.
Im Münchner Süden erlebt die Luft- und Raumfahrtszene seit einigen Jahren einen dynamischen Aufschwung. Hier entschied sich 2023 das Satelliten-Startup Reflex Aerospace, seine Produktion aufzubauen – und suchte dafür nicht nur technische Kompetenz, sondern auch architektonisches Gespür.
Wir sprechen mit Jakob Bader, dem Architekten des Projekts, über Reinräume, industrielle Atmosphären und darüber, warum auch Produktionsstätten Lebensorte sind.
RO: Herr Bader, Reflex Aerospace ist ein junges Hightech-Unternehmen. Wie kam es dazu, dass ein klassisches Architekturbüro – Ihres – beauftragt wurde, eine industrielle Satellitenmanufaktur zu gestalten?
Bader: Das Startup wollte nicht nur einen funktionierenden Reinraum, sondern einen Standort, der den eigenen Qualitätsanspruch sichtbar macht. Unsere Aufgabe war, eine leerstehende Industriehalle auf dem IABG-Gelände in Ottobrunn zu transformieren – entrümpeln, strukturieren und einen maßgeschneiderten Reinraum darin errichten. Dass dies nicht nur technisch, sondern auch architektonisch gedacht werden sollte, war für den Auftraggeber entscheidend.
RO: Den Reinraum selbst hat Petek Reinraumtechnik gebaut. Wie sah die Zusammenarbeit aus?
Bader: Petek baut seit Jahrzehnten Reinräume und arbeitet mit einem sehr überzeugenden Konzept: Ein eigenständiger Stahlbau wird errichtet, darunter befindet sich eine durchgängige Installationsebene für Lüftung, Klima und Elektrik. Darunter wiederum hängt der Reinraum als eigenständige Paneelkonstruktion.
Für uns Architekten eröffnet diese Struktur enorme gestalterische und funktionale Möglichkeiten – insbesondere die vollständig begehbare obere Ebene, die standardmäßig nur der Technik vorbehalten wäre.
RO: Sie haben dieses Potenzial stärker genutzt, als es üblich ist. Was war Ihr Ansatz?
Bader: Ich habe von Anfang an gesehen, dass der Stahlbau mehr kann als nur Technik tragen. Gemeinsam mit einem Fachanwalt für Arbeitsrecht haben wir ausgelotet, wie wir diese Ebene rechtssicher für weitere Zwecke erschließen können. So entstand ein Grundriss mit zwei entgegengesetzten Fluchttüren und zwei bequemen Treppenläufen. Dadurch wurde die obere Ebene zu einer vollwertigen Galerie.
RO: Und auf dieser Galerie befindet sich nun ein Aufenthaltsbereich?
Bader: Genau. Neben einem Materiallager haben wir dort eine Teeküche mit Sitzbereich eingerichtet – ein gemütlicher, fast wohnlicher Ort. Das ist kein ständiger Arbeitsplatz, deshalb waren die Anforderungen moderater, und die lichte Höhe konnte zugunsten des Reinraums gering gehalten werden. Gleichzeitig sorgt eine große, wasserdicht verschweißte PU-Wanne dafür, dass keine Flüssigkeiten in den Reinraum gelangen können. Sicherheit und Atmosphäre schließen sich nicht aus.
RO: Lassen Sie uns über die bestehende Halle sprechen. Welche Rolle spielte sie für den Entwurf?
Bader: Eine große Rolle. Die Halle ist ein 6 m hoher, kathedralenartiger Raum aus den frühen 1980er-Jahren, mit Milchglasbändern, feuerroten Fenstern und Türen, schilfgrünen Stahlbauteilen und rohem Beton. Diese Farben und Materialien sind wertvoll. Der Reinraum wirkt darin wie ein weißer, hell leuchtender Solitär – fast wie ein Raumschiff im Hangar.
Wir haben ihn exakt in den Bestand eingepasst, ohne einen Quadratmeter zu verschenken. Seine Autarkie – also das eigene Tragsystem – sorgt zudem dafür, dass keine Schwingungen übertragen werden.
RO: Neben Architektur und Industrie sprechen Sie auch von „Mehrwerten“. Was bedeutet das konkret?
Bader: Mehrwert entsteht, wenn Architektur über die bloße Erfüllung von Funktionen hinausgeht:
– Die technische Struktur wurde maximal ausgenutzt – eben zweigeschossig statt eingeschossig.
– Die vorhandene Buntheit des Bestands wurde nicht kaschiert, sondern als schöner Kontrast genutzt.
– Jeder Bereich wurde so dimensioniert und angeordnet, dass er funktional und atmosphärisch Sinn ergibt.
– Und am Ende ist das Ergebnis nicht nur effizient, sondern auch schön. Das ist Mehrwert, den Architektur schaffen kann.
RO: Sie vertreten die Einstellung, dass auch Reinräume und Industriehallen Lebensorte sind. Was meinen Sie damit?
Bader: Menschen verbringen dort einen Großteil ihres Tages. Diese Räume prägen Stimmung, Leistungsfähigkeit und Identifikation mit dem Unternehmen. Deshalb sollte man sie nicht auf technische Standards reduzieren. Warum sollten nur Wohnungen, Museen oder Restaurants schön sein? Gerade Arbeitsräume müssen inspirieren und Kraft geben. Gute Architektur stärkt auch Arbeitgeberattraktivität und Unternehmensidentität.
RO: Zum Schluss: Hat Reflex Aerospace aus Ihrer Sicht die richtige Entscheidung getroffen?
Bader: Unbedingt. Das Unternehmen präsentiert sich nun in Bayern mit einer Anlage, die nicht nur hervorragend funktioniert, sondern auch den Anspruch und die Haltung des Unternehmens sichtbar macht.
Das ist ein starkes Statement – nach innen wie nach außen.
Das Projekt in Ottobrunn zeigt exemplarisch, wie fruchtbar die Zusammenarbeit zwischen Hightech-Industrie und Architektur sein kann. Wo andere ein reines Funktionsgebäude errichten würden, ist ein Ort entstanden, der Technik, Gestaltung und Menschlichkeit verbindet – ein moderner Lebens- und Arbeitsraum im besten Sinne.
Architekturfotografie Vincent Rieger, München, kontakt@vincentrieger.com, www.vincentrieger.com
Jakob Bader Architektur JBA
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