Fachbeitrag

Reinraumreinigung: Auch Begriffe müssen sauber sein

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Schlagworte sind Ausdrücke oder Begriffe, die gern verwendet werden, um bestimmte Sachverhalte oder Eigenschaften prägnant und überzeugend mitzuteilen. In der Werbung oder im Vertrieb werden diese gerne genutzt, um eine Kaufentscheidung zu beeinflussen. Durch die bewusst gesteuerte Überzeugungsabsicht verändert sich dabei der ursprüngliche Sachverhalt leider zu oft zu Lasten der zu vermittelnden Informationen und fachlichen Hintergründe. In einem regulierten und fachlich orientierten Umfeld des Reinraums sind grundlegende Begriffe und die damit verbundenen Definitionen aber eine wichtige Voraussetzung zur Anwendung der Regularien und damit zur praktischen Umsetzung. Rein vertriebstechnisch gesteuerte Schlagworte können zur Verwirrung führen, vor allem da eine Mehrfachbesetzung von Begriffen nicht immer auszuschließen ist. Auch die Reinraumreinigung hat ihre speziellen Begriffe, die teilweise von den Definitionen aus der Gebäudereinigung abweichen. Einige der häufig benutzten Begriffe, die gerne als Schlagworte genutzt werden, werden nachfolgend beschrieben mit dem Ziel, eine saubere Begriffsbestimmung in der Reinraumreinigung zu erreichen. Eine wichtige saubere Definition beginnt übrigens bereits bei der „Reinraumreinigung“. Denn oft wird mit dem Begriff „Reinraumreinigung“ genaugenommen die „Reinraumdesinfektion“ gemeint.

Reinigung

Die Reinigung ist eine Maßnahme, um Verunreinigungen gezielt, dauerhaft und vollständig von einer verschmutzten Oberfläche zu beseitigen und abzutragen. Das Ziel ist dabei die optische und chemische Sauberkeit und die Unterbrechung einer Übertragung von unerwünschten Substanzen von der Oberfläche auf das Produkt. Mit der Reinigung ist eine nachweisbare keimreduzierende Wirksamkeit verbunden: Durch die Wegnahme der Nahrungsgrundlage der Keime wird deren Wachstum entgegengewirkt und die Mechanik bei der Wischreinigung führt zu einer - wenn auch  ungesteuerten und zufälligen - Keimreduktion durch den Wegschwemmeffekt bzw. durch mechanischen Abtrag.

Abhängig von der Verschmutzungsart werden unterschiedliche Methoden zur Reinigung eingesetzt. Die im Reinraum üblichen Methoden sind das Absaugen von lose aufliegenden Verunreinigungen und die Wischmethode meist in Kombination mit Flüssigkeit. Dabei werden zur Unterstützung der Reinigung chemische Wirkstoffe eingesetzt, die neben der Herabsetzung der Oberflächenenergie bzw. Benetzung der Oberfläche, ein Ablösen der Verschmutzungen durch chemisch-physikalische Prozesse und  das In-Schwebe-Halten der in Lösung gebrachten Verunreinigungen zur Aufgabe haben. Die Wirkstoffe werden in der Regel über Wischtextilien aufgebracht.

Feucht- und Nassreinigung

Bei den Wischverfahren, die im Reinraum überwiegend zur Dekontamination größerer Flächen eingesetzt werden, wird in Feucht- und Nassreinigung unterschieden. Die Definitionen „feucht“ und „nass“ sind verwirrend und werden gerne vermischt. „Feucht“ bedeutet in diesem Zusammenhang „nebelfeucht“. „Nass“ dagegen „gut mit Flüssigkeit durchtränkt“, aber nicht „tropfnass“. Mit der Feuchtwischmethode werden lose aufliegender Feinschmutz und in geringem Umfang auch aufliegender Grobschmutz entfernt. Die Feuchtreinigung wird für die Zwischen- und Feinreinigung, d.h. für die Abreinigung von kleineren und Kleinstpartikeln, empfohlen. Für dieses Verfahren kommen nebelfeucht besprühte oder schleuderfeuchte sowie imprägnierte Textilien zu Einsatz, die in diesem Zustand den Feinschmutz an sich binden. Das Nasswischen ist ein Verfahren, um haftende Verschmutzungen zu entfernen oder um eine keimabtötende Wirkung zu erreichen. Während früher das Nasswischverfahren in der Zweistufenmethode umgesetzt wurde, d.h. im ersten Schritt wird nass vorgelegt und im zweiten Schritt trocken nachgewischt, wird heute meist in der Einstufenmethode gearbeitet. Die Oberfläche wird dabei in einem Arbeitsschritt mit einem getränkten Wischtextil gereinigt, die Restflüssigkeit trocknet ohne Nachwischen ab. Diese Methode, oft auch als „Halb-Nass-Methode“ bezeichnet, ist nur dann geeignet, wenn die Oberflächen einen geringeren Verschmutzungsgrad haben wie es im Reinraum in der Regel vorliegt. Die Nassreinigung, in Normen auch als „Moppen“ bezeichnet, wird für die Grob- und Zwischenreinigung, ggf. für die Feinreinigung eingesetzt.  Die Tränkung bzw. Präparation der Wischbezüge für das Nasswischverfahren kann dabei klassisch durch Eintauchen und Auspressen, durch eine Vorpräparation oder durch Begießen erreicht werden. Eine Moppbefeuchtung durch Mechanik oder Aufsprühen reicht für ein Nasswischverfahren nicht aus.

Reinigungsarten

Verwirrend ist die Verwendung diverser Bezeichnungen für Reinigungsarten, die sich im Reinraum oft von den bekannten Definitionen aus der Gebäudereinigung unterscheiden. Zudem haben sich im allgemeinen Sprachgebrauch einige Begriffe eingebürgert. (siehe Übersicht 1 + 2)

Im alltäglichen Sprachgebrauch wird die Zweistufenmethode gerne mit dem Zwei-Eimer-Verfahren verwechselt. In der Regel handelt es sich beim Zwei-Eimer-Verfahren um die Anwendung eines Systemwagens, der mit zwei Eimern bestückt ist. Je nach Industriebereich und Systemwagen unterscheidet sich die Anwendung der Zwei-Eimer-Systemwagen: Während in der Gebäudereinigung der vordere Eimer für das Frischwasser und der hintere Eimer für die Schmutzwasserflotte eingesetzt werden (Abbildung 1), wird im Reinraum nur ein Behälter mit Flüssigkeit befüllt. Der zweite Behälter dient lediglich wie in Abbildung 2 dargestellt zum Auffangen des Abtropfwassers. (siehe Abb.1)

In der Gebäudereinigung wird der gebrauchte Mopp ausgespült und mehrfach verwendet. In der Reinraumreinigung wird der Bezug zur Vermeidung von Partikel- und Keimverschleppungen nach jeder Anwendung gewechselt. (siehe Abb.2)

Wischtextilien

Neben der Reinigungschemie spielt die Art des Wischtextils eine wichtige Rolle. Die Auswahl erfolgt abhängig von der Verschmutzungsart, dem Oberflächenmaterial, dem Einsatzbereich und dem Wischverfahren. Vorteilhaft für die Verwendung der Einstufenmethode hat sich die Mikrofaser erwiesen. Bei der Mikrofaser handelt es sich nicht um ein bestimmtes Material, sondern um eine Zusammenfassung von Fasern, die besonders fein und dünn sind, und deren Feinheit definiert ist. Bedingt durch die hohe Feinheit und der damit notwendigen engen Webung wird eine höhere Oberfläche erzielt, die wiederum zu einer hohen Festigkeit, Fusselfreiheit und hohen Reinigungsleistung führt. Bereits im trockenen Zustand ziehen die Mikrofaser Schmutz- und Staubpartikel wie ein Magnet an und binden sie in ihrer Oberfläche fest ein. Ein weiterer Vorteil ist die hohe Saugkraft der Mikrofaser. Diese hohe Saugkraft wird jedoch nicht durch die Faser selbst erzielt, sondern durch die große Anzahl an Luftkammern und kleinen Poren, wodurch eine Kapillarwirkung erzielt wird. Der Kapillareffekt, d.h. das Verhalten von Flüssigkeiten in den Kapillaren der Mikrofaser, ist nicht identisch mit den zwischenmolekularen Kräften zwischen Faser und Schmutz. D.h. die Aussage, dass ein vollständig durchtränktes Mikrofasertuch keinen Schmutz mehr aufnehmen kann, ist nicht korrekt.

Desinfektion

Desinfektion ist eine Maßnahme zur Beseitigung, Zerstörung oder Deaktivierung von Mikroorganismen auf Gegenständen oder Oberflächen und dient zur gezielten Reduktion unerwünschter Mikroorganismen, in der Regel pathogene und produktschädliche Keime. Das Abtöten erfolgt durch Wirkstoffe, die in die Struktur oder in den Stoffwechsel der Zelle eingreifen. (siehe Übersicht 3)

Eine ausreichende Inaktivierung oder Abtötung kann nur dann gewährleistet werden, wenn eine ausreichende Anzahl an Wirkstoffen auf die Oberfläche aufgetragen wird und für den Inaktivierungsprozess zur Verfügung stehen. Daher erfolgt die Wischdesinfektion im Nass- bzw. Halb-Nass-Wischverfahren. Dies bedeutet nicht, dass die Oberfläche vor Nässe schwimmt, sondern dass ein gleichmäßiger durchgehender Flüssigkeitsfilm aufgetragen wird. Gleichzeitig darf die Oberfläche auch nicht zu trocken sein, denn bei einer zu geringen Flüssigkeitsmenge kann ein Aufschieben nicht flüchtiger Bestandteile der Desinfektionsmittel sowie eine Keimverschleppung beobachtet werden.

Dosierung und Konzentration

Über die Wirksamkeitsprüfungen sowohl hinsichtlich der Reinigungsleistung, aber vor allem bei der Prüfung der mikrobiellen Wirksamkeit, wird die notwendige Konzentration festgelegt. Eine Unterdosierung, darunter wird eine zu niedrige Anwendungskonzentration verstanden, führt nicht nur zu einer geringen Reinigungsleistung. Es kann zu einer zeitlich begrenzten Anpassung (Adaption) einzelner Mikroorganismen und zu einem selektiven Wachstum unempfindlicherer Mikroorganismen kommen. Diese können sich dann aufgrund fehlender Konkurrenzkeime besonders schnell vermehren. Eine Überdosierung führt dagegen zwar definitiv zu einer ausreichenden Abtötung der Keime, aber auch zu Material- und Funktionsschäden, Rückstandsbildung und Schichtaufbau sowie zu einer erhöhten Belastung des Personals und der Umwelt und zu höheren Kosten. Eine Überdosierung einer Gebrauchslösung liegt vor, wenn ein chemischer Wirkstoff in zu hoher Menge zu einer Verdünnungsflüssigkeit gegeben wird. Und nicht, wenn eine zu hohe Flüssigkeitsmenge auf die Oberfläche aufgetragen wird. (siehe Abb.3)

Ablauf Wischverfahren

Um eine gleichmäßige Verteilung der Flüssigkeit beim Wischverfahren zu erreichen, wird in der klassischen Gebäudereinigung beginnend von der Tür mittig bis zum hintersten Bereich des Raumes eine Wasserstraße vorgelegt und dann die Fläche rückwärtsgehend in flachen Achterbewegungen so gewischt, dass sich die Bahnen überlappen und keine Benetzungslücken entstehen. Dabei wird immer durch die Wasserstraße gezogen, um eine gleichmäßig Flüssigkeitsverteilung auf den gesamten Raum zu erreichen. Diese Arbeitsweise ist vor allem bei der Verwendung von Baumwollbezügen oder Schwämmen notwendig, weil diese zu Beginn des Wischens sehr viel Flüssigkeit abgeben. Eine Pfützenbildung wird durch diese Arbeitsweise vermieden. Die Verwendung von Mikrofaser, die die Flüssigkeit gleichmäßig abgibt, und die hohen Luftwechselzahlen im Reinraum, die zu einer schnellen Abtrocknung der Flüssigkeit führen, machen das Vorlegen einer Spur im Reinraum nicht mehr unbedingt notwendig. (siehe Abb.4)

Fazit

Es ist nicht verwunderlich, dass die Regelwerke ein Glossar enthalten und die in den jeweiligen Regularien verwendeten Begriffe definiert werden. So können Missverständnisse von vorne herein ausgeschlossen und sichergestellt werden, dass alle beteiligten Personen dieselbe Sprache sprechen. In der Reinraumreinigung treffen GMP- und Normen-regulierte Bereiche mit der Gebäudereinigung und ihren jeweiligen eigenen Begriffen zusammen. Werden dann noch Schlagworte für verkaufsorientierte Darstellung zweckentfremdet, ist die Verwirrung gerade bei Anwendern ohne fachlichen Hintergrund besonders groß.  



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